Knollenblätterpilzkrokant von 1976 voller Pestizide !

grundgens-kopieLiebe Familie,
bevor ich mich darin ergehe, euch einen, ein weiteres mal von Gefahren, Irrtümern, Fehleinschätzungen und radikalem Geldverlust geprägten Jahreswechsel zu wünschen, ist es mir ein unstillbares Verlangen, ja geradezu eine heilige Pflicht, an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass der Verzehr von Knollenblätterpilzkrokantpralinen aus der Weihnachtsproduktion von 1976 nicht mehr angeraten ist. Irgendwas ist faul an den Dingern.

 

So waren sie am Heiligen Abend das einzige, was Mutti noch im Schrank hatte. Die Packung war bereits aufgerissen, Mutti um fünf schon bewusstlos, also leichtes Spiel für einen ausgehungerten Sohn. Gierig und mit zittrigen Fingern angelte ich Praline für Praline aus der Schachtel und machte mir nicht mal die Mühe, das lästige Staniolpapier zu entfernen, mit dem jeder der kleinen Kameraden ummantelt worden war. So wollte ich verhindern, dass meine Hände bei späterer, genauer Prüfung durch die  bestohlene Mutter nicht voller verräterischer Knollenblätterschokolade waren, die man so schlecht ab bekam. Kaum war die letzte der Leckereien im Schlund der Ewigkeit versackt, machte sich eine unangenehme Unruhe breit, in dem, im inneren des Körpers gelegenen Magensack schwoll Rebellion zu Umsturz, das war nicht zu ignorieren.

 

Also rannte ich auf das Wasserklosett, auf das wir sehr stolz sind, es ist unseres Wissens eins der ersten, die es auf der Welt gibt und wir teilen es mit den anderen zehn Mietparteien dieses Hauses. Kaum hatte ich die hölzerne Tür zum Lokus aufgebrochen, die alte Frau Küster mit ihrem Holzbein vom Schacht gezerrt und rausgeschmissen (die mit ihrer ewigen Verstopfung), mich selbst krachend auf die Brille gehievt, da brach er auch schon los, der Sturm der Gase, das immer währende Ringen des Meeres mit dem Land, die Apokalypse!

 
Und als hätte es als Buße für einen läppischen Diebstahl nicht ausgereicht, die ganzen Weihnachtsfeiertage auf dem Schacht zu verbringen, bekam ich zusätzlich Visionen, sah mich auf großen, bunten Gummibällen durch ein Weltall aus Staniolpapier hüpfen, die Klotür als die Pforte zum Universum gegen einen blassgrünen  Leviathan verteidigend (das war die alte Küster, die wieder rein wollte). Da ich mich nun nicht, wie vorgeschrieben beim Entleeren, mit dem Gesäß fest an die Brille presste, sondern wie besessen in der engen Toilettenhütte auf und absprang, die Knollenblätterschokolade aus allen Öffnungen meines geschundenen Körpers heraus katapultierend, gab es eine Riesensauerei und von der Mutter, die am 2. Weihnachtstag aufwachte, ordentlich was hinter die Löffel.

 

Doch die Vergiftung hielt mich noch Tage nach dem Weihnachtsfest erbarmungslos umklammert, die Nebel hatten sich auch am Samstag noch nicht gelichtet, als ich mit der Mutti “Geschenke umtauschen” musste, wie sie es nannte. Als die gute Frau mit geübtem Blick ein Schnapsregal taxierte und meine Hand kurz losliess, um beidhändig Hochprozentiges in Hose und Jackeninnentasche verschwinden zu lassen, ging ich kurzerhand aus Versehen mit einer anderen Frau mit. Leider hat mich deren Ehemann, als er Tage später, ich hatte mich schon ganz gut eingelebt, den Irrtum bemerkte und mich zu einer enttäuschten Mutter zurückbrachte.
Wenigstens gibt´s heute Abend Lametta.


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Es küsst euch auch im neuen Jahr

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