Gestern spielte ich, im Rahmen meiner Sozialstunden wegen der alter Küster, in einem Waisenhaus ein wenig Cha Cha Musik für die frühen Abendstunden. Eigentlich vom Bodenpersonal eingeteilt, die Scheißhäuser einer Grundreinigung zu unterziehen, hatte ich vorsorglich meine Gitarre mitgebracht, um derlei Unappetitlichem dadurch zu entgehen, dass ich für die Elternlosen ein paar schmissige Lieder spielte, damit sie in ihrem Schmerz zusätzlich noch die Sinnlosigkeit des Lebens erkennen konnten.
Während der letzten Takte meiner zweifellos genialen Darbietung, zwei der sieben Zuhörer hackten schon mit Esslöffeln auf ihre Pulsadern ein, der Zivi hatte den Klodienst aufgedrückt bekommen, drängte sich eine kleine, geheimnisvolle Prozession eilig über meine imaginäre Bühne zum Ausgang hin, scheinbar auf große Diskretion bedacht. Typen in schwarzen Anzügen und Sonnenbrillen, von denen einer gleich meine Gitarre mit Karacho am Türrahmen zerkloppte, wohl um die Wichtigkeit seiner Unternehmung im Verhältnis zur meinen zu unterstreichen.
Der Zerklopper und ein anderer waren schon an mir vorbei gedrängt, weitere folgten, die in ihrer Mitte etwas Kleineres, Unförmiges zu schützen, zu verbergen suchten. Die Leiterin des Waisenhauses, eine Frau Schuppe dirigierte das Grüppchen, die Arme weit ausgebreitet, die zu Leitenden symbolisch umfassend, gen Ausgang hin. Fast waren sie alle schon zur Tür heraus, da stürzte einer der Sicherheitsleute über ein paar achtlos liegen gelassene Liebeskugeln, schlug lang hin und man konnte für einen Wimpernschlag deutlich erkennen, wen sie hinter ihren massigen Körpern versteckt hielten. Ganz kurz kreuzte mein neugieriger Blick den der kleinen Frau, die nun Schutz suchend, irritiert um sich spähte aus kleinen, verschlagenen Augen.
Kein Zweifel möglich, die Frau erkannte ich am Dekoltee! Die Merkelsche!
Die Kanzlerin der Herzen, die, die selber kocht, wenn mal ein anderes Politikerpaar zum Essen kommt! Gern hätte ich sie angesprochen, doch schon wurde der kleine, drollige Körper hinfort gerissen, die Gruppe war zur Eingangstür hinaus geflutet und Frau Schuppe hatte diese wieder verschlossen und blieb selbst demonstrativ noch einige Minuten davor stehen, um den Rückzug der seltsamen Besucher zu decken. Dann ging sie entschlossen, raumgreifenden Schrittes in ihr Büro, drehte hörbar den Schlüssel im Türschloss und war für niemanden mehr zu sprechen. Mir wurde gesagt, ich könne nun nach Hause gehen und mir ein oder zwei Waisen mitnehmen. Unter dem Vorwand, mir welche aussuchen zu wollen, stahl ich mich in den Korridor mit den vielen Türen, aus dem die Prozession gekommen war und in dem ich Konspirativstes zu erfahren hoffte.
Was machte die Kanzlerin nach Weihnachten in einem Waisenhaus? Auch Sozialstunden? Wohl kaum! Neben jeder der Türen war in Augenhöhe ein Plastikschild montiert, in das ein dünner, bedruckter Streifen Papiers geschoben war, der auf den Rauminhalt hinwies. Gleich die erste Tür, an der stand “Vollwaisen”, war zugesperrt. Eine Tür nach der anderen klapperte ich ab, “Halbwaisen”, “Art & Waisen”, “Waisenmehl”, alle verschlossen. Hinter der vorletzten saß ein “Zonk” und ich wollte schon aufgeben, als ich die letzte Tür des Korridors einen Spalt weit aufstehen sah. Ich linste auf das dazugehörige Schild: “Wirtschaftswaisen” stand da geschrieben. Hoffentlich nicht noch ein “Zonk” dachte ich, dann hätte ich einpacken können. Gerade war ich im Begriff mit zartem Finger anzuklopfen, da öffnete sich die Tür, die gerade noch fast vollständig angelehnt, lediglich einen Lichtschimmer vom Inneren des Raumes preisgab, und ein eiskalter Luftzug drohte mir den Atem zu rauben.
Es war niemand zu sehen, obwohl ich den Eindruck hatte, dass gerade mindestens eine Person an mir vorbei gehuscht war.
Dann wurde ich mit dünner Stimme („…der Nächste bitte!“) hereingebeten. Drinnen war man offenbar verwundert über meine scheue, zurückhaltende Art. „Noch nie einen Profillosen gesehen?“, wollte eine Stimme aus dem Gegenlicht des Waisenraumes wissen, doch da mein Gesicht weiterhin offenen Mundes, fragend in die Flut aus Kerzenlicht starrte, antwortete die Stimme lieber gleich selbst. „Man kann sie nur von vorne oder hinten sehen, von der Seite sind sie unsichtbar. Aber kommen sie doch rein!“ Das einzige Fenster des Raums war mit einem „Status Quo“-Starschnitt zu gehängt, dem Rick´s rechte Hand und John´s Kopf fehlten.
Tastenden Schrittes, einen Fuß vorsichtig vor den anderen setzend, betrat ich den Raum und sah mich schüchtern um. Das Zimmer war nicht sehr groß, aber gemütlich. Im warmen Schein mehrerer Kerzen, deren Wachs unkontrolliert auf die kärglichen Möbel, dann weiter auf den Linoleum- boden tropfte, waren fünf Etagenbetten vorherrschend. Einmal zwei, ein- mal drei übereinander, jeweils rechts und links des Eingangsbereichs platziert. Hier war zweiffellos die Putze lange nicht gewesen, aber das hatte mich nicht zu kümmern. Meine Aufmerksamkeit galt vielmehr den Wichten, von denen ich fünf zählen konnte, jeder im Schneidersitz auf einem der fünf Bettchen kauernd, grinsend, mit schneeweissen Bärtchen, strickend. Mich oder aber irgendjemand scheinbar erwartend.
Aus eben dieser Situation entwickelte sich folgendes Gespräch, das ich Ihnen, liebe Leser hier dokumentiere, aus bestmöglichen Gedächtnis und bei meiner Ehre, in tieftster Wahrheitstreue, unverfälscht, nur ein wenig in Form gestriegelt.
„Ich hab´keine Ahnung, was ein Profilloser ist und euch kenne ich auch nicht, aber kann ich hier mal schiffen?“ Meine Eröffnung gelang tadellos. Für die Wichte sprach ein Herr mit Namen „Herr Nilsson“, welcher gleich auf dem ersten Bettchen saß und mich glauben liess, er sei der Anführer der Wichte.
„Wehe, du pinkelst uns in die Hütte!“ Herr Nilsson schien ein wenig überspannt. „Dreh dich mal“, befahl er und machte eine fordernde Handbewegung mit seinem Strickzeug, das er kaum aus den Augen liess. Ich drehte mich, sodass er mich von der Seite betrachten konnte und er schien zufrieden. „Na wenigstens Profil!“, lobte der Wicht und die anderen Wichte raunten sich Dinge zu. „Hierher kommen sonst nur die Lenker des Landes“, hob er an, „entweder sind es Profillose oder die ohne Rückgrat, die von ihren Leuten her gebracht werden. Wir stricken hier nämlich an der Zukunft!“ Jetzt lächelte Herr Nilsson.
„Dann seid ihr die fünf Wirtschaftswaisen?“ „Jep.“ „Dann sagt doch mal, was geht denn ab in 2009?“, fragte ich erregt.
„Die Quaste pudert auch den Po!“, rief ein anderer Wicht vom zweiten Bett herunter, eine Zeitung anstarrend, deren Buchstaben auf dem Kopf standen. „Das ist „Hohlbratze“, unser erfolgreichster Augure, er spricht nur in Rätseln!“, wirft Herr Nillson erklärend ein. Dann lachen alle hysterisch. „Was wird denn nun im nächsten Jahr?“ ,frage ich ein weiteres mal höflich. Wieder lachen alle Wichte mitleidig. „Mein lieber Junge…“, Herr Nilsson gibt sich sichtbar grösste Mühe, ernst zu bleiben, „…dieses 2009 ist reinste Utopie, nichts weiter als eine Modeerscheinung, eine Erfindung einiger rebellischer Jugendlicher!“
„Aber sie können doch nicht leugnen, dass auf 2008 unweigerlich 2009 folgen muss!“ Ich begann, nervös zu werden, heute war der 31.12.2008. „Sie können uns glauben, junger Mann, die Strickerei lügt nie, 2009 ist Quatsch, es gibt keine Hinweise auf ein solches Jahr!“ Herr Nilsson gab mir noch ein paar mies gestrickte Socken mit, dann bellte er heiser: „Der Nächste!“, und ich wurde erneut von Sicherheitsleuten, die einen Rückgratlosen hereinschleppten verdrängt, bis vor die Tür hinaus zurück in den Flur, wo ich ratlos ausrollte. Die Wirtschaftswaisen hatten meines Wissens noch nie richtig gelegen, aber was war, wenn sie dieses eine mal Recht behielten, wenn es weiter gar nichts geben sollte ab 24:00 Uhr? Wieder zu Hause bestellte ich einen Club Soda bei meiner Mutter. Während sie mir das Glas reichte, sah sie mich aus traurigen, geröteten Augen Hilfe suchend an. „Guten Rutsch, Junge!“
Sie hat es von Anfang an gewusst!



