So habe ich mich nun festgesetzt, wie eine Laus im struppigen Pelz eines im Galopp dahin rasenden Lebens, mich nach Kräften festhaltend, um nicht erneut abgeschüttelt zu werden. Um bei der Wahrheit zu bleiben, war mein Versuch einer Berufswahl am „Scheidenweg” ein kompletter Fehlschuss, ein Schlag ins Wasser gewesen. Ganze drei Tage und Nächte hatte ich gewartet, hatte, leicht gerührt, lächelnd gestanden, war keinen Zoll gewichen, doch jegliche Eingebung war gänzlich ausgeblieben.
Nicht, dass ich keine Angebote gehabt hätte. Schon am dritten Tag kamen einige Mönche an meinem Stehplatz vorbei, die sogleich begannen, mich heiß zu umwerben, da ihre Religionsgemeinschaften nach eigenen Aussagen im Schrumpf begriffen seien. Einer drängelte sich vor und schüttelte mir überschwänglich die Hand. Er trug eine schicke Uniform, sein rechtes Auge war mit einer schwarzen Klappe bedeckt, das andere flackerte unruhig, als er sich vorstellte.
Sein Name sei „Tom Graf Schenck” und er hätte die Welt von Verrätern zu säubern, ob ich nicht helfen wolle, dann würde ein Raumschiff kommen, mich zur Belohnung irgendwohin mitnehmen, während alle anderen in die Luft gesprengt werden.
Doch noch bevor ich diesem interessanten Angebot zusagen hätte können, grölten jetzt die anderen Mönche wild durcheinander, ich bekam abwechselnd Offerten als „Papst”, „Ketzer” oder „Bettelsack”, doch gemäß meiner alten Schwäche war ich ein weiteres mal nicht in der Lage, eine wichtige Entscheidung, meine Zukunft betreffend, zu tätigen.
Gerade hatte ich mich fast für einen Job als „Leichentuch Christi” entschieden, da bekamen sich die eifernden Mönche in die Haare und begannen, sich zu kloppen.
Als erstes gingen die mit den Schnurrbärten auf den kleinen mit der Augenklappe los und prügelten ihn krankenhausreif, bevor dieser eine „Walther PPK” zückte und wild um sich schoss. Dabei erwischte er einen Typen namens „Bischof” am Kopf, der daraufhin, grünes Zeug spuckend, die Seinen aufforderte, die Schnurrbärte an komische Kreuze zu nageln.
Und wie so oft gingen meine eigenen Interessen, ein letztes Mal wissend nach Luft schnappend, im Gerangel der Gläubigen gnadenlos unter. Die gesamte Prozession rollte sich nun prügelnd, schreiend, schiessend und nagelnd den Hang herunter, der Stadt entgegen, die mir die schwere Last ehrlicher Arbeit abforderte, im Gegenzug für eine gesellschaftliche Akzeptanz, die mir im Grunde schnurz war, auf die ich, wenn auch leise, pfiff.
Ich fühlte einen Trotz in mir, eine aufsteigende Wut, die mir in der Entscheidung, meine Richtungssuche abzubrechen, entscheidend half. In der Dämmerung des vierten Tages, setzte auch ich mich in Bewegung in Richtung Stadt, strebte den Mönchen hinterher, entschlossen, irgendwie unter einem Vorwand an der Mutter vorbei in unsere Wohnung zu gelangen, um mich dort nach Leibeskräften am Bett festzukrallen.
Während ich zögerlichen Schrittes den „Scheidenweg” verliess und in den, runter nach „Ufffz” führenden Feldweg einbog, dachte ich an die ganzen verlogenen Bürger dieser Stadt, die dort auch meine Auffassung von Moral und Normalität zu bestimmen suchten.
Die in großer Zahl immer noch jeden Morgen pünktlich aufstanden, sich die Arbeitsklamotten überstreiften, die Bärte ihrer Ehefrauen küssten, um sich aufzumachen, hin zum alten Heizkraftwerk, welches schon lange keine Beschäftigung mehr bietet und so führerlos wie ausser Betrieb vor sich hin rostet. Dort treffen sie sich, fummeln acht Stunden mit Mittagspause an irgendwas rum, um dann, pünktlich um vier nach Hause zu tippeln, wo sie noch immer steif und fest behaupten, Arbeit zu haben und stolz darauf zu sein.
Wenn sich ihre bärtigen Frauen über fehlende Kontoeingänge beschweren, fluchen sie eben ein wenig über die mangelnde Zahlungsmoral in der heutigen Zeit. Dann ging man über zum Tagesgeschehen und so manch einer dieser Pharisäer hat sich schon bei meiner Mutter über meine bahnbrechende Faulheit beschwert. So geht das seit über drei Jahren.
In meiner Grübelei stiess ich mit der Spitze meines Schuhs gegen ein unachtsam liegen gelassenes Pfandhirn. In „Ufffz” laufen die Leute in der Regel mit schnittigen, nur das nötigste denkenden Gehirnen durch die Gegend, da zu viel der Denkerei als die Wiege des Irrsinns angesehen und scharf verurteilt wird.
Nur den Regierenden und den, sich im regen Austausch mit anderen Städten befindlichen Studenten ist es gestattet, vor Konferenzen oder schweren Prüfungen, ein voluminöseres Pfandhirn einzusetzen, um sich gegenüber der restlichen Welt nicht öffentlich zu blamieren.
So ein Pfandhirn ist recht teuer in der Anschaffung, daher ist die Rückzahlung bei Abgabe nicht unbeträchtlich. Ich steckte es in meinen schlaffen Rucksack, im festen Vorhaben, es unten in der Stadt gegen ein kleines Wohngeld einzutauschen, der Mutter einen Teilerfolg vorzugaukeln, für ein paar weitere Tage Gnadenfrist.
Der Zufall wollte es, dass mich mein Weg nach Haus an der offen stehenden Tür des Backstage eines großen Schachturniers vorbei führte. Dieses mal ließ mich meine kriminelle Energie eine Blitzentscheidung treffen. Ich räumte in einem Affenzahn die Regale mit Spezialtaktik-Gehirnen leer, steckte sie in meinen Sack und entkam unbemerkt über den Hinterhof der „Gaunerei Friedrichs”, der grössten Bank von „Ufffz”.
Als ein ebenso großes Glück erwies sich das plötzliche Anberaumen einer unangekündigten, wichtigen Prüfung im Bereich Architektur an der „Brian Jones- Universität” von „Ufffz”, einher gehend mit grenzenloser Panik unter den Studierenden.
So wurde ich meine Beute bei reissendem Absatz innerhalb weniger Minuten los und verdiente mehr Geld als Mutti beim „Anschaffen” in einer ganzen Woche.
Der Mutter log ich vor, das viele Geld als „Mietomi” verdient zu haben, was ich auch als meinen Berufswunsch angab. Seitdem ist erstmal Ruhe auf dem Gebiet und ich darf endlich wieder den ganzen Tag fernsehen. Fern in eine Welt, die ich nicht verstehe, die mich fasziniert, die ich oft befrage, die nie antwortet. Vielleicht morgen.