Es war bereits in den frühen Morgenstunden, noch war es dunkel, doch die Dämmerung hatte sich durch das erste, noch zaghafte Gewusel auf der Straße vor meiner Kammer angekündigt. Ich lag in tiefem Schlaf und träumte einen seltsamen Traum, einen von denen, die schon ein wenig Fracksausen hervorrufen können. In diesem Traum nun war ich aufgewacht, viel früher als nötig und ich ärgerte mich dessen sehr, da es zusätzlich in der Blase drückte, die um Entleerung flehte, so dass ich gezwungen war, aufzustehen.
So quälte ich mich dann aus dem warmen Bett, hinaus in die ausladende Kälte des Hausflurs und gelangte nach wenigen, gewohnten Schritten ins Toilettenzimmer. Um die Aufsicht über eine eher scheinheilige Hygiene zu wahren, gibt es hier als Beleuchtung an die siebenundzwanzig Flak-Scheinwerfer, die bei Betätigung des einzigen Lichtschalters gleich neben der Tür, allesamt auf einmal mit einer Million Lux die müden Augen des sich noch im Halbschlaf befindlichen zu verätzen drohen.
Die Alternative, sich im Dunkel zu entleeren war auch nicht viel besser.
Erst vorgestern hab ich von der alten Küster den Wischlappen um die Ohren bekommen, weil wohl wieder literweise daneben gegangen war.
Also lieber Licht an und halb blind, vorsichtigen Schritts, die Keramikschüssel ertastet, nach weniger als einer Minute erfreulicherweise das Augenlicht wieder erlangt, das Vorhaben erfolgreich erledigt und blinzelnd abgedreht, nicht ohne einen hastigen Blick in den Spiegel zu tun.
Sicher, dieser Spiegel war ziemlich verdreckt, voll mit allerlei Unheil der dreizehn Personen auf unserer Etage, die ihn nutzen und selten reinigen, aber das, was der Spiegel mir hier entgegen bleckte, hatte mit profaner Verunreinigung wenig zu tun.
Ich starrte in eine von Schmutz freie Fläche und sah, wie konnte es anders sein, mich selbst, doch sah ich nicht so aus, wie üblich. Irgendwie krank sah ich aus, ganz dünnhäutig. Als ich genauer forschte, mich an das gleissende Licht gewöhnt, entdeckte ich eine Art Milchschorf gleich hinter meinem rechten Ohr, das aussah wie ein alter Salzsee und dessen trockenste Partikel sich durch leichteste Berührung von der Oberfläche zu lösen begannen. Unterhalb dieser, nun zu großen Teilen abgefallenen Kruste, zeichnete sich statt der üblichen, rosigen Gesichtshaut ein beträchtlicher brauner Fleck ab.
Leicht beunruhigt, betrachtete ich nun die andere Hälfte meines Gesichts und stellte den selben Vorgang auch dort fest, überall löste sich der helle Schorf und hinterliess die braunen Flecken, die seltsamerweise die Formen aller mir bekannten Erdteile angenommen hatten. Auf meiner Nase machte sich der alte Kontinent Europa breit und meine Untersuchungen brachten sogar so etwas wie Italien zu Tage, wo sonst mein stattlicher Schnauzbart seinen Stammplatz inne hatte.
Die übliche Kontrolle der fortschreitenden Geheimratsecken ergab ein mittleres Fiasko, da sich ganze Haarbüschel wie von selbst aus ihrer vormals stabilen Verankerung befreiten und zugunsten einer blauen Flüssigkeit, die mittlerweile mehr als zwei Drittel des schützenden Schädels bedeckte, in das schmuddelige Waschbecken fielen.
Innerhalb nur weniger Momente war mein Kopf ganz kahl, kein Haar war mehr auszumachen in dem tiefblauen Ozean meines Hauptes, der sich nun aufmachte, auch in die von Flecken freien Zonen meines Gesichts zu sickern.
Wo ich anfangs Zweifel hegte, manifestierte sich nun eine seltsame Gewissheit. Mein gesamter Kopf war zu einem Planeten geworden, der unserer Erde nicht unähnlich zu sein schien. Das blau meiner Augen mischte sich mit dem der flächenmässig vorherrschenden Meere, die Kontinente ergingen sich in pausenloser Verschiebung ihrer Erdplatten, formten Berge, die zum Klettern einluden, sowie den einen oder anderen See, der vielleicht schon bald Badegäste anlocken würde.
Mein Kopf, Nährboden einer neuen Welt! Ich war unendlich Stolz, denn das war, wenn auch ohne wirklich eigenes Zutun das Beste, was ich je geschafft hatte.
Zudem schien diese Welt gänzlich unbewohnt, was zur Folge haben würde, dass ich, ihr göttlicher Träger und Grundstock, die Ehre inne hatte, sie mit den Personen meiner Wahl zu besiedeln. Da mich die bleierne Müdigkeit übermannte und man als Schöpfer bekanntermassen auch mal ruhen darf, beschloss ich, den Exodus auf den nächsten Morgen zu verschieben.
Man kann sich vorstellen, dass der anschliessende Schlaf angesichts dieser bedeutenden Ereignisse ein recht unruhiger war und von kurzer Dauer.
Als ich ein weiteres Mal erwachte, stürzte ich kurzerhand in Muttis Schlafzimmer, die schon wach war und mit einem Berber in Unterhosen Schnaps trank. Die freudige Nachricht, sie könne ihre Koffer packen und fortan mietfrei auf meinem Kopfe wohnen, stiess auf völliges Unverständnis seitens der Mutter, die mich lallend des Zimmers verwies, ich solle mir erstmal „die Fresse waschen”, bevor ich so große Töne spuckte.
Ein klein wenig enttäuscht, trollte ich mich in das Toilettenzimmer, den strikten Befehl der Mutter folgend und wischte mir mit Waschlappen und Kernseife mehrmals quer über´s Gesicht, bis mir siedend heiß einfiel, dass ich ja nun für eine fragile, neue Welt verantwortlich war, mit der man sicher sehr behutsam umzugehen hatte.
Die Augen, eben noch schützend vor der beissenden Seife zusammengekniffen, sahen nun, in allem nur erdenklichen Schrecken weit aufgerissen in den Spiegel, dessen sich in der Zwischenzeit jemand erbarmt hatte, der blitzblank geputzt war.
Statt der so verheissungsvollen, jungfräulichen Welt, glotzte mir mein makelloser, spanisch anmutender Teint entgegen, in schrecklichstem Entsetzen und von heillosen Verlustängsten geplagt, tastete ich das großflächige Gesicht nach den vor Stunden noch blühenden Kontinenten ab, vermochte jedoch nicht mehr die geringste Erhöhung oder Vertiefung in der ebenmässigen Haut zu erkennen.
Ich durchwühlte das dichte Haupthaar, wo sich eben noch ganze Meere ergossen hatten und musste den Tränen nah feststellen, dass ich alles verloren hatte, was noch in der vergangenen Nacht meinem Selbstverständnis als Weltenlenker so reichhaltig Nahrung bot.
So hatte ich mich dann wieder, einer weiteren verheissungsvollen Chance im Leben beraubt, aufzumachen, mit ein paar Butterbroten bestückt, in eine Welt, in der andere das Sagen hatten, um mich abzuschuften für die, die so schlau waren, keinen Waschlappen zu besitzen und die mir das täglich zu spüren geben.
Vielleicht sollte ich das nächste Mal genauer überlegen, wen ich auf mir wohnen lasse, denn eine neue Welt ist wohl doch recht scheu und wählerisch.