Am Scheidenweg! Neues aus “Ufffz”.

herr-b-am-scheidenwegWie immer, wenn man sich sicher ist, dass ein neues Jahr beginnt, hat man sich zunächst mal zu fragen, was man wohl überhaupt damit anfangen will und ob man es auch wieder zurück geben kann, sollte es sich als ungenügend nutzbar erweisen.

Ob man beispielsweise ein Umtauschrecht bis April eingeräumt bekommt, wenn man bis dahin dem neuen Leben nicht den winzigsten Erfolg abzuringen imstande war?

 

Dies waren die ersten Gedanken, die es schafften, sich im neuen Jahr in das dichte Gedränge meines Kopfes zu schleichen, um dort nach Leibeskräften zu spuken. Es war bereits der 3. Januar, das konnte ich am Einfallswinkel der blass und ungesund aussehenden Sonne erkennen, die mich unsicher begrüßte, während ich langsam aufzutauen begann.

 

Ich war wohl von Silvester liegen geblieben, die 21 Kinder der Turbanskis aus dem 3. Stock hatten mich mit ihren Buntstiften schön angemalt, wie so oft mit nationalsozialistischen Hoheitszeichen und Kritzeleien bedacht, die sie in Ermangelung jeglicher Schulbildung für Buchstaben hielten. Der infernalische Lärm ihrer vielen, kleinen Kehlen ging in hartnäckige Konkurrenz mit der Neujahrsparade des Stadtrats von „Ufffz”, die wie üblich direkt an unserem Haus vorbeizog. Zu Beginn eines jeden Jahres ist es hier seit langer Zeit die Regel, dass der Bürgermeister, sowie die höchst gestellten Persönlichkeiten von „Ufffz” eine Parade abhalten, um der, für diesen sehr kargen und ungeliebten Monaten nach Weihnachten üblichen Jammerei des Fußvolks entschieden entgegen zu treten. So wurde also der Januar zum „Wonnemonat” ausgerufen und unmissverständlich mit Klageverbot belegt.

 

Die Granden der Stadt waren gesammelt auf prächtigen Ochsenkarren zugegen, sich im Überschwang zu prostend, während ich meine Zehen wieder spürte. Die Prozession, gestartet am Erotikkino „Oase”, Ziel war das alte Heizkraftwerk, schleppte sich just in diesem Moment an unserem Haus vorbei, bis vor dessen Treppenaufgang ich es immerhin geschafft hatte. Weil es in „Ufffz” gar keine Ochsen gibt, werden jedes Jahr einige honorige Bürger ausgewählt, welche die Gold geschmückten und dadurch schwer gewichtigen Karren durch die Stadt ziehen dürfen. Vor dem Karren des Bürgermeisters erkannte ich deutlich Herrn Kassius, den Schlachtermeister, der trotz schneidender Kälte so stark schwitzte, dass sich seine Holzpantinen aufzulösen begannen. Er hatte blütenweissen Schaum vor dem Mund. Herr Döbler, ein arbeitloser Despot, war vor dem Fahrzeug eines sehr beleibten Senators zusammengebrochen und wurde von diesem ganz blutig gepeitscht.

 

Die Leute, die die Straße säumten, jubelten auf unnachahmlich liebevolle Art ihren Regierenden zu. Eine Hand in der Luft, deren Mittelfinger vollends erhoben, der Rest zur Faust geballt, mit dem Zeigefinger der anderen den linken Nasenflügel verschließend, während aus dem rechten ein Schwall des so beliebten „Spice” mit der Wucht eines Atemstoßes geschleudert, auf der Uniform eines Amtsträgers plakativ, wie eine Art Orden, haften blieb. Die Stadtväter ihrerseits werfen für gewöhnlich großzügige Mengen „Dönekens”, die Weichteile des Paradoxons, einer in der Halbsavanne lebenden, kantigen Büffelart unters Volk, welches gar nicht genug davon zu bekommen schien. Nur dem Bürgermeister, der sich, allem überdrüssig „Echt Stonesdorfer” nennt, ist es vorbehalten, zusätzlich zu den „Dönekens” noch leere Worthülsen und Wachstumshormone zu werfen.

 

Die Turbanski-Kinder hatten bereits die Taschen ihrer Beutelhosen bis zum Rand voll davon und wurden erst von „Tommi”, dem Hund der alten Küster verjagt, der gleich zwei von ihnen tot biss. Omma Küster war samt „Tommi” aus ihrer stickigen Bude gekrochen, um im Heizkraftwerk zu beten, denn sie war sehr Wärmegläubig. „Tommi” war in Wirklichkeit eine dieser großen Ratten aus den Glenns, deren Haltung in „Ufffz” streng verboten war, doch bisher war es noch niemandem gelungen, dies zu beweisen. Als die alte Küster mich so hilflos daliegen sah, ergriff sie die sich selten bietende Gelegenheit, stieß mir ihr Holzbein in die Rippen und rief: „Tommi, schnappschnapp!”, woraufhin mir die fette Ratte ins Gesicht biss, hektisch mit der pelzigen Zunge die Augen suchend. Erst die Mutter, eiligst herbei gesehnt, kam mit einem Schneidbrenner und rettete, was zu retten war. Die Küster und „Tommi” verzogen sich, beide mögen kein Feuer. Mutti taute mich mit dem Gerät fast vollständig auf, dann flohen wir vor dem Rummel der Straße, hoch in die sichere Wohnung. Oben angekommen, gab es auch gleich die Neujahrsgardinenpredigt der besorgten Mutter.

 

„Junge, jetzt muss mal Schluss sein mit dem Kinkerlitz”, sagte sie, „mit 43 Jahren wird es jetzt entweder Zeit für die Pubertät, ein Schein-Fernstudium oder eine Schein-Fernselbstständigkeit, Hauptsache Fern!” 

 

„Mach´ ich morgen!”, versuchte ich sie zu beschwichtigen, doch die Mutter war fest entschlossen: „Pack deine Sachen, du gehst noch heute Abend zum „Scheidenweg”!

 

Der „Scheidenweg” dient seit Jahrhunderten der traditionell unschlüssigen Einwohnerschaft von „Ufffz” als Entscheidungshilfe. Am Waldrand gelegen ist er besonders am Sonntagmorgen gut besucht, wenn die Leute nicht wissen, ob sie Rührei oder Spiegelei wollen.

 

Die Mutti fuhr mich eben noch mit dem „Trampelrad” rum, einem Fahrzeug mit dreieckigen Rädern, welches wir dem Starrsinn von „Ufffz” Meistererfinder „Little Derrick” zu verdanken haben, dann stehe ich allein, mit von Regenwasser gefüllten Augen am „Scheidenweg”, schaue der immer geringer erscheinenden Gestalt der Mutter hinterher und frage mich, was wohl dieses Jahr aus mir werden soll.