Herr Schnurrbein einen Sommer lang

Drohgebärde Nr. 487

Drohgebärde Nr. 487

Die Mutter war aus. Ein hagerer Kavalier hatte sie mitgenommen zum „Kraftwerk-Karaoke”, wo man sich besinnungslos trank, um dann Lieder mit einfältigen Namen wie „Expo 2000″ zu grölen. So war ich denn frei für eigene Pläne und ich genoss meine Freiheit, indem ich draussen vor dem Haus in der Sonne herumlungerte.

Ich hatte mir einen dieser Klappstühle hingestellt, die Art, wie sie nur Angler und Regisseure benutzen, denn ich bildete zu dieser  Zeit drei der Turbanski-Kinder als Gladiatoren für´s Fernsehen aus und wartete nun darauf, dass sie endlich von der Kinderarbeit nach Hause kamen.

 

Doch zunächst wurde ich abgelenkt. Eine Einheit Laufmaschen, Einzeller, nur zum Transport von Waren gezüchtet, kamen schnatternd die Einfahrt hoch, jede mit einem oder mehreren Möbelstücken beladen, alsbald damit im Hausflur verschwindend.

Wir bekamen neue Nachbarn. Die Wohnung im Dachgeschoss war frei geworden, da die Kniffkes in der Show „Wer wird Hunnenkönig ?” einen lebenslangen Aufenthalt in der Mongolei gewonnen hatten und gestern unter lautem Gezeter abgeholt worden waren.

Gerüchten zufolge war der neue Mieter kein geringerer, als der über die Grenzen von „Ufffz” hinaus bekannte Naturforscher Willibrandt Willibrandt.

Herr Willibrandt, das war überall zu lesen gewesen, wollte sich zur Ruhe setzen, nach all der anstrengenden Stöberei.

Auf seiner letzten Forschungsreise hatte es einen bedauerlichen Zwischenfall gegeben, hiess es. Bei der Sprengung einiger widerspenstiger Ruinen in einem komischen Land im Süden, erwischte es versehentlich eine Kolonie Faultiere, deren Bewohner sämtlich, durch die Wucht der Detonation, aus den dicht belaubten Bäumen auf den Boden gefallen und verdurstet waren.

Ein einziger, ein Faultiermann namens Schnurrbein hatte sich retten können.

Gerade stundenlang abgestiegen zum Toilettengang, hatte er sich ausgerechnet den Rucksack des Forschers als Klo ausgesucht und danach ein Schläfchen darin gehalten. Willibrandt Willibrandt, der sich schuldig fühlte, liess ihn in dem Sack und nahm sich vor, fortan für Herrn Schnurrbein zu sorgen, um die immense Schuld zu tilgen.

Mittlerweile waren einige der Turbanskis nach Hause gekommen. Völlig erledigt von der Arbeit in den Kakaominen von „Ufffz” wollten sie gleich ins Bett. Ich konnte sie gerade noch zu einer Trainingseinheit mit rostigen Nägeln bewegen, was immerhin ein Augenlicht kostete, dann kam ihr Vater runter und jagte mich, wie üblich mit einem Bleirohr quer durch den Vorgarten.

Dieses mal hatte mich mein mächtiger Feind fast erwischt. Ich harrte in den Johannisbeerbüschen hinterm Haus, bis er irgendwo Schnaps roch und abzog.

Dann merkte ich, dass ich nicht allein in den Büschen hockte. Durch eine lichte Stelle in den Sträuchern blickte mich ein freundliches Gesicht an, von einem Schopf glatten, roten Haars gerahmt, ein kleiner Hut wurde zum Gruß gezogen.

„Herr Schnurrbein, nehme ich an?”

Wie um meine Annahme zu bestätigen, langten nun zwei Herrenarme in das Gebüsch und hoben das Geschöpf langsam und bedächtig heraus.

„Er mag keine Toiletten”, sagte Willibrandt Willibrandt lächelnd und stellte sich kurz vor. Auch Herr Schnurrbein reichte mir die Hand und ich hoffte, er benutzte Klopapier.

Während man in der Folgezeit den Forscher recht selten antraf, hatte man hingegen mit Herrn Schnurrbein des öfteren das Vergnügen.

Da Faultiere in Freiheit nur für die Verrichtung der Toilette ihren Baum verlassen, war auch Schnurrbein, ob seiner unaussprechlichen Langsamkeit, ständig zwischen der Dachgeschosswohnung und den Rabatten unterwegs und oft im Hausflur hängend anzutreffen.

 

Mutti hatte sich beim Karaoke ein Bein gebrochen und trank literweise Franz-Brandwein gegen die Schmerzen, da war es nicht empfehlenswert sich in der Wohnung aufzuhalten.

So setzte ich mich gern in die Sonne vor dem Haus und trank ein paar Gläser „Ghaze”, ein herrlich erfrischendes Getränk, bestehend aus einem Öllappen und einem Becher.

Immer öfter gesellte sich auch Herr Schnurrbein dazu, da der Forscher Willibrandt überraschend zu einer Schneckenjagd aufgebrochen war.

Wir begannen, Gefallen am jeweils anderen zu finden. Die Faulheit mit aller Leidenschaft gelebt, das verband uns und mein neuer Freund war ein Meister auf dem Gebiet. Herr Schnurrbein zeigte mir, wie man sich, nur an den Zehen, von der Dachrinne herab hängen lassen kann, ich brachte ihm bei, wie man Lemminge raucht und Kinder für sich stehlen lässt.

Sogar bei Tante Regina waren wir ein paar mal zusammen, aber meist traf man uns in der „Bannmeile”, der Hauptstraße von „Ufffz” an.

Nichts taten wir lieber, als auf dem Bürgersteig herumzuliegen und den Verkehr zu beobachten, der sich, in immer neuem werden und vergehen, lustvoll durch die Stadt schlängelte. Hier wurde ein Schlachter totgebissen, der die Vorfahrt missachtet hatte, dort fiel ein ganzer Ochsenkarren in eins der metertiefen Schlaglöcher, es war immer was los, auch ohne eigenes zutun.

Dann kam die Nachricht vom tragischen Tod Willibrandt Willibrandts.

Der uralte Haudegen war bei der Schneckenjagd vor Erschöpfung zusammengebrochen und verendet. Das änderte einiges. Herr Schnurrbein hatte keinen Mietvertrag und seine gesamte Existenz basierte auf der des toten Willibrandt, dessen Haustier er gewesen war.

Schon waren Vorkehrungen getroffen worden, das nun herrenlose Anhängsel zu entsorgen. Für solche Fälle hatte man in „Ufffz” Frau Adelheid „Katze” Blechdach engagiert, die herrenlose Haustiere ohne viel Tamtam gleich totspritzte.

Der Mörderwagen, ein Kombi mit abgefahrenen Reifen stand schon vor dem Haus, der Motor wurde feist abgewürgt und die gewichtige Dame war ausgestiegen, hatte die finale Spritze aufgezogen und hochprofessionell die ersten Tropfen des todbringenden Liquids auf das Pflaster der Einfahrt vergossen.

Dann begann sie den Aufstieg ins Dachgeschoss, um den Herrn Schnurrbein seinem Ende zuzuführen. Ganz aufgeregt war ich, in irgendeiner Form eingreifen wollte ich, doch war mir selber klar, dass ich dafür viel zu feige war. Schnurrbein selbst war in vollendeter Ruhe, nicht mal der anstehende Tod schien ihn im geringsten rühren zu können.

Stetig kam die Blechdach ihrem Ziel näher, man konnte sie schon vor Anstrengung schnaufen hören und die Stufen der alten Treppe ächzten unter ihrem Gewicht.

Ich kauerte mich in eine Ecke, von Angst zusammengeschnürt, fiel ich in die üble Gewohnheit zurück, bei Aufregung Zehennägel zu knabbern.

 

Als die Spritze schwingende Matrone, schnaufend wie eine Lok, die letzte Treppenstufe erklommen hatte und sich gurgelnd auf den armen Herrn Schnurrbein stürzen wollte, hielt sie plötzlich inne.

Beide Arme voraus, zum Angriff bereit, war die Dame zur Statue erstarrt, ganz vor Wut verzerrt war ihr rotes Gesicht, welches aber auch vorher nie nett aussehen mochte.

Herr Schnurrbein grinste feist unter seiner roten Tolle hervor, als hätte er gewusst, dass die Sache diesen Ausgang nehmen würde. Kein bisschen überrascht schien er zu sein. Doch auch ich fand meine Fassung aufgrund zügelloser Neugier schnell wieder.

Herr Schnurrbein war bedauerlicherweise keiner wirklichen Sprache mächtig, darum waren wir eher auf eine gemeinsame Gestik angewiesen gewesen, die mittlerweile ganz gut funktionierte. Wenn auch recht langsam.

Wir verstanden uns praktisch blind und begannen nun auch gleichzeitig, den steifen Körper „Katze” Blechdachs lachend die Treppe herunter zu treten.

Unten angekommen, stopfte ich sie in ihren Kombi. Ich brauchte lediglich die Handbremse zu lösen und das Fahrzeug rollte, samt erstarrtem Inhalt, die Einfahrt runter, um in einem der Schlaglöcher der „Bannmeile” für immer zu verschwinden.

 

Doch natürlich konnte ich das gesehene nicht einfach auf sich beruhen lassen. Wenn das einmal ging, war es sicher auch ein zweites oder drittes mal zu schaffen. Herr Schnurrbein, der meine Skepsis wohl bemerkte, war zunächst gerne bereit, seine herausragende Fähigkeit zu meinem besseren Verständnis erneut zu demonstrieren.

Wie, als wollte er sich freiwillig als Versuchsperson anbieten, kam nun mein Todfeind, Vater Turbanski, die Einfahrt hoch gestolpert. Gerüchten zufolge, die im Haus kursierten, hatten sie ihn in der Ribbelfabrik entlassen, da nirgends mehr Pullover aufzutreiben gewesen waren.

Dementsprechend betrunken und reizbar war er, geradezu perfekt für einen weiteren Versuch.

„Na, hat sich wohl ausgeribbelt!”, rufe ich ihm frech entgegen, ein „alles oder nichts” heraufbeschwörend. Und als hätte er nur gewartet auf einen Agitator wie mich, nahm Turbanski jetzt Fahrt auf, torkelte mit Geschrei und Bleirohr zielgerichtet auf uns zu.

Sofort versteckte ich mich, meiner Sache nicht wirklich sicher, hinter Herrn Schnurrbein, den ich nun genau beobachtete, wie er sich mit seinen Klauenhänden die schlaffen Tränensäcke unter den Augen rieb.

Daraufhin teilte der alte Turbanski das Schicksal von Frau Blechdach, erstarrte und wurde in einem Schlagloch entsorgt, nicht ohne dass ich ihm noch etliches mit dem Bleirohr übergezogen hätte. Es klappte also quasi auf Kommando, da war ich jetzt sicher.

In der Nacht darauf fand ich keinen Schlaf. Immerzu musste ich an die unbegrenzten Möglichkeiten denken, die die Fähigkeit meines Freundes mir eröffnen konnten. Am nächsten Morgen stand ich schon um viertel nach fünf auf der Matte des Dachgeschosses, benutzte meinen Nachschlüssel und holte den müden, kleinen Kerl aus seinem Bett.

Er hatte jetzt zu funktionieren, denn die neue Möglichkeit weckte unbändige, kriminelle Energie in mir. Wie verpufft war die mir eigene Lethargie, die ich Zeit meines Lebens mit mir rumgeschleppt hatte. Gewichen einem Meer voller Ungeduld.

Bevor sich die neue Möglichkeit ergab, hatte ich gern auf Herrn Schnurrbein gewartet, manchmal sogar er auf mich. Wir hatten uns in der Langsamkeit gefunden, doch jetzt drohte ich in meinem Eifer zu enteilen. Kurzerhand nahm ich das Faultier auf den Arm und rannte mit dem noch schlaftrunkenen die Treppe runter, grenzenlosem Unsinn entgegen.

Zuerst schlichen wir in Muttis Schlafzimmer, Schnurrbein rieb sich die Augen, die Mutti fiel in Totenstarre, sodass ich ihren Gips bemalen konnte, ohne gebissen zu werden. Dann, in immer atemberaubenderen Tempo raus auf die „Bannmeile”, erstmal den Verkehr angehalten und die reglosen nach Wertsachen durchsucht, den Mädchen auf dem Schulhof unter die Röcke geschaut und in den Trinkhallen der Stadt den gesamten „Gahze”-Vorrat leer getrunken, was mich nur noch mehr befeuerte. Immer gewagter, immer dreister wurden meine Wünsche, immer hitziger und brutaler mein Vorgehen. So war es eigentlich nicht nötig, die in Erstarrung befindlichen noch anzuzünden, doch ich wollte professionelle Arbeit abliefern.

Gegen Abend befand sich die halbe Stadt im Wachkoma und die andere Hälfte war zu müde, um das zu bemerken.

Da ich voll mit meinen Allmachtsfantasien beschäftig war, registrierte ich nicht, wie Herr Schnurrbein mit jeder meiner Boshaftigkeiten missmutiger dreinschaute. Das für ihn typische, schelmische Grinsen war fast vollständig aus dem Faultiergesicht gewichen. Ich schrieb das der Müdigkeit zu, hatte ob des an diesem Tag geleisteten ein Einsehen und brachte ihn ins Bett.

Auch war ich selbst rechtschaffen ermattet. Ich schlief sofort ein, träumte von Diebstahl und Zerstörung und war ein zufriedener Junge.

Für den Folgetag hatte ich mir schon mehrere, tolle Coups ausgedacht. Gleich als erstes wollte ich Omma Küster mit einem Peyote-Kaktus verkeilen, dann in der „Gaunerei Friedrichs” die Banker mit Abführmittel vollpumpen und die Kurse durcheinander bringen. Nachmittags plante ich, das Rathaus zu fluten, um danach einige von mir unerwünschte erstarrte mittels eines Katapults aus der Stadt zu befördern.

Als der Morgen dämmerte, stand ich bereits wieder voller Erwartung vor Herrn Schnurrbeins Kinderbett, doch dies war unberührt. Kein Faultier döste da in den Federn. In nackter Panik unterzog ich die Willibrandtsche Wohnung einer genauen Untersuchung, doch vom Freund fehlte jede Spur.

Weit konnte er ja nicht gekommen sein, in all seiner Lahmarschigkeit. Doch auch das Durchkämmen des gesamte Hauses brachte nichts zu Tage, ausser der Erkenntnis, dass die von mir am Vortag gepeinigten wieder unangenehm lebendig waren, am gesellschaftlichen Leben teilnahmen und bedauerlicherweise auf Rache sannen. Mutti, die aus Zorn über den mit Zoten bekritzelten Gips zunächst daran dachte, mich dem Mob auszuliefern, versteckte mich für etwas Schnapsgeld in einem Einmachglas, wo ich, zusammen mit einer Gruppe „Rote Beete” darauf wartete, dass sich die Lage beruhigte.

Herrn Schnurrbein blieb in einem Nebel verschwunden, der sich bis heute nicht lichtete. Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört. Nur manchmal, wenn der Wind die mächtigen Kronen der Johannisbeerbüsche zerzaust, ist mir, als sehe ich sein grinsendes Faultiergesicht durch das lichte Blattwerk blinzeln, wohlwollend einem von der Macht verführten Freund vergebend.